Drei Scania Lkw unterwegs zwischen Getafe und Valladolid
Drei Scania Lkw unterwegs zwischen Getafe und Valladolid

Zehn Fernfahrer, die bislang selbst das Steuer in der Hand hielten, dürfen im Juni loslassen. Nach intensiven Schulungen werden sie die ersten Platoons auf die Autobahn 9 begleiten. Forscher der Hochschule Fresenius messen dabei einige ihrer Körperfunktionen, wie zum Beispiel die Bewegungen der Pupillen mittels Eye-Tracking. In persönlichen Gesprächen wollen die Forscher lernen, was die Fahrer von der neuen Technologie halten. Auch Beobachtungen anderer Verkehrsteilnehmer fließen in die Untersuchung ein. Die Wissenschaftler erhoffen sich erste Erkenntnisse über Platoons im Straßenverkehr. Darauf warten in Deutschland bereits verschiedene Verkehrsexperten.

Prof. Dr. Christian T. Haas, Leiter des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius

Prof. Dr. Christian T. Haas, Leiter des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius
Prof. Dr. Christian T. Haas, Leiter des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius

Herr Professor Haas, die Erwartungen an Ihre Forschung sind hoch. Wie begegnen Sie der Herausforderung?

Wir sind uns unserer Verantwortung in diesem Projekt sehr bewusst. Was wir in der Studie bis Januar 2019 herausfinden, gilt vorerst als gesetzt und möglicherweise richtungsweisend, deshalb haben wir hohe Anforderungen an unsere Datenerhebung und -auswertung. Zur Einordnung: Eine Fahrt auf der Teststrecke dauert im Schnitt zwei Stunden. Allein unsere Hirnaktivitätsmessungen und Blick-Verfolgungen bringen pro Sekunde 8.000 bis 10.000 Daten. Wir hoffen, dass wir mit guten Untersuchungsmethoden nicht nur Erkenntnisse für automatisierte und autonome Prozesse im Straßenverkehr gewinnen, sondern auch Schlussfolgerungen für andere Bereiche und Industrie 4.0-Szenarien ziehen können, insbesondere dort, wo Mensch und Maschine zusammenarbeiten.

Sie werden eng mit den Fahrern der Platoons zusammenarbeiten. Was glauben Sie, inwiefern sich der Beruf durch die neue Technologie verändert?

Um mehr belastbare Fakten zu erhalten, starten wir zunächst mit relativ offen gestalteten Interviews mit den Lkw-Fahrern. So werden wir auf Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen aufmerksam und können daraus Leitfäden für weitere Befragungen entwickeln. Es wird vielfältige Veränderungen geben. Ein Beispiel: Bis heute ist jeder Berufskraftfahrer ein Einzelkämpfer, er fährt sein eigenes Fahrzeug und trifft seine eigenen Fahrentscheidungen. In der Gruppe übernimmt der Lenker des Führungsfahrzeugs mehr Verantwortung für die autonom folgenden Lastwagen und ihre Begleitpersonen. So wird der Einzelkämpfer zum Teamplayer. Auch diese Anforderungen müssen wir mitdenken, denn in menschlichen Gruppen entstehen neue Herausforderungen – etwa durch menschliche Beziehungen oder unterschiedliche technische Vorkenntnisse. Technische Neuerungen wie das Platooning nehmen Einfluss auf unsere Lebens- und Arbeitswelt. Dazu brauchen Sie sich nur andere Entwicklungen anzuschauen – etwa die des Computers oder des Smartphones.

Stefan Gerwens, Leiter Verkehr beim ADAC

Stefan Gerwens, Leiter Verkehr beim ADAC
Stefan Gerwens, Leiter Verkehr beim ADAC

Herr Gerwens, inwiefern können neue Technologien wie das Platooning dazu beitragen, das wachsende Verkehrsaufkommen besser zu regulieren und beispielsweise Staus zu vermeiden?

Von der Fahrzeugautomatisierung wird häufig erwartet, dass sie nicht nur die Verkehrssicherheit erhöhen, sondern auch die Leistungsfähigkeit des Straßenverkehrs verbessern könne. Realistisch ist dies allerdings nur in einem technologisch homogenen Umfeld, das heißt wenn alle Fahrzeuge und Verkehrsteilnehmer zuverlässig vernetzt und automatisiert sind und alle Fahrmanöver kooperativ abstimmen können. Solange automatisierte Fahrzeuge im Mischverkehr mit manuell gesteuerten Fahrzeugen operieren, können sie diese technologischen Vorteile nicht in jedem Fall voll ausspielen.

Digitalisierung bedeutet Innovation, auch im Straßenverkehr. Autofahrer müssen offen für Neues sein. Was rät der ADAC Verkehrsteilnehmern, die Technologien wie dem Platooning erstmals begegnen?

Digitale Assistenzsysteme und Automatisierungsfunktionen im Kraftfahrzeug zielen darauf ab, Verhaltensfehler des Fahrzeugführers zu kompensieren oder möglichst fehlerfreies Fahrverhalten zu imitieren. Im Idealfall sollten andere Verkehrsteilnehmer gar nichts bemerken, außer dass ein Fahrzeug vielleicht besonders ‚perfekt‘ gesteuert wird. Der deutsche Feldversuch Lang-Lkw hat gezeigt, dass den meisten Verkehrsteilnehmern auch die Überlänge nicht aufgefallen ist.

Werner Reh, Leiter Infrastruktur und Verkehr beim BUND e.V.

Werner Reh, Leiter Infrastruktur und Verkehr beim BUND e.V.
Werner Reh, Leiter Infrastruktur und Verkehr beim BUND e.V.

Lieber Herr Reh, wie wird sich der Lkw-Verkehr in Deutschland ihrer Meinung nach verändern und welche Rolle spielt dabei das Platooning?

Wir rechnen mit einer Zunahme des Lkw-Verkehrs bis 2030 um 40 Prozent. Dieses Wachstum möchten wir zugunsten der Umwelt gerne umkehren. Dazu empfehlen wir eine gezielte Infrastrukturplanung, die Verlagerung von der Straße auf die Schiene und neue Anreize zur Vermeidung durch regionale Verkehrs- und Wirtschaftskreisläufe. Vom Platooning selbst versprechen wir uns derzeit nur geringe Umwelt-Effekte. Natürlich können durch eine bessere Aerodynamik Kraftstoffe eingespart werden. Die Lkw fahren dichter hintereinander, der Platz im Straßenraum wird somit etwas besser ausgenutzt.

Wie könnten die Potenziale der Platoons für die Umwelt ihrer Ansicht nach gesteigert werden?

In seinem Buch „die digitale Mobilitätsrevolution“ wünscht sich der Autor und Soziologe Andreas Knie nicht allein die Digitalisierung im Fahrzeug – sondern darüber hinaus die Vernetzung von mobilen Angeboten im Internet. Damit entstehen Synergien und somit auch neue Chancen für die Umwelt.

Geschwindigkeitsveränderungen mit und ohne Platooning
Geschwindigkeitsveränderungen mit und ohne Platooning

Die Digitalisierung wirkt auf immer mehr Bereiche des Alltags ein und damit auch auf die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Um für das Platooning die besten Rahmenbedingungen zu schaffen, müssen jetzt möglichst viele Anforderungen erfasst werden. „Aktuell haben wir eine gute Chance, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen und unsere Erkenntnisse sinnvoll in die Technologie einfließen zu lassen“, so Professor Haas von der Hochschule Fresenius. Die Volkswagen Truck & Bus Gruppe möchte diese Entwicklung maßgeblich vorantreiben und gehört mit den Testfahrten ihrer Marken MAN und Scania zu den Vorreitern bei Platooning in Europa. Ziel ist es, mit der neuen Technologie  Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen zu reduzieren, sowie die Verkehrskapazitäten nachhaltig zu optimieren.