Text: Maj-Britt Peters

Bei urbanen Transportsystemen wie Last-Mile-Logistik, Verteilerfahrzeugen und Stadtbussen ist die Elektrifizierung die Zukunft. Sie ist leise, sauber und nachhaltig. Auch Volkswagen Truck & Bus setzt auf die zukunftsweisende Technologie. Mit dem Joint-Battery-Projekt macht die Nutzfahrzeug-Gruppe einen großen Schritt, um elektrifizierte Nutzfahrzeuge auf die Straße zu bringen.

Das Projekt ist ein Pilot in zweierlei Hinsicht: Es legt den Grundstein sowohl für die Zukunftstechnologie als auch für die Entwicklungsarbeit innerhalb der Gruppe. Denn während der Zusammenarbeit der Ingenieure von MAN und Scania am gemeinsamen Batteriesystem wurden aus Wettbewerbern Kollegen.

MAN und Scania: ein Mehr aus Synergien

Zwei dieser frischgebackenen Kollegen sind Lisa Döbler und Jakob Öman. In einem markenübergreifenden Team haben sie einen gemeinsamen Batteriespeicher für Hybrid- und voll elektrifizierte Busse und Trucks entwickelt. Als Basis dient eine von Volkswagen entwickelte Pkw-Batterie mit Lithium-Ionen-Zellen. „Schon in der Vergangenheit wurden Komponenten wie etwa Mensch-Maschine-Interfaces aus Autos in die Fahrerkabinen von Trucks eingebaut“, sagt Öman, Teamleiter für Tests und Validierung von Energiespeichern bei Scania. „Aber Antriebskomponenten zu übernehmen, das war neu.“ So mussten die Ingenieure zunächst ihre Anforderungen an die Batterie definieren. Um die Komponenten anschließend an die Bedürfnisse von Schwerlastanwendungen anzupassen, entwickelten sie das Gehäuse, die Architektur und die Kühlung neu.

Die modifizierte Batterie hat eine Spannung von bis zu 756 Volt und eine Spitzenleistung von 130 kW.
Die modifizierte Batterie hat eine Spannung von bis zu 756 Volt und eine Spitzenleistung von 130 kW.

„Das System funktioniert wie ein Baukasten“, erklärt MAN-Versuchsingenieurin Döbler. „Wenn wir wissen, wie weit das Fahrzeug elektrisch fahren soll, können wir festlegen, wie viele Batterieblöcke wir einbauen.“ Die Hardware ist somit immer die gleiche, aber die Anzahl der Blöcke und die Software variieren je nach Anwendungsfall der Kunden. So kommt es, dass das Batteriesystem bei Scania erstmals in einem Hybridbus startet. MAN hingegen testet die Batterie in Lkw bei Anwendungen im täglichen Einsatz zusammen mit dem Council für nachhaltige Logistik.

Lead Engineering als Innovationstreiber

Um die technischen Anforderungen und Testergebnisse zu besprechen, haben sich die Ingenieure in regelmäßigen Meetings ausgetauscht. „Gerade bei der Entwicklung neuer Komponenten ist der direkte und schnelle Dialog für unsere tägliche Arbeit extrem wichtig“, sagt Döbler. So entstand schnell ein kollegialer Austausch über die Markengrenzen hinweg.

„Gerade bei der Entwicklung neuer Komponenten ist der direkte und schnelle Dialog für unsere tägliche Arbeit extrem wichtig.“

Lisa Döbler, MAN

Doch die Zusammenarbeit hatte auch ihre Tücken: Die größte Herausforderung war es, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen der Marken aufeinander abzustimmen und gemeinsame technische Lösungen zu finden. „Das Projekt hatte den Vorteil, dass das Thema Elektrifizierung sowohl bei MAN als auch bei Scania noch relativ am Anfang stand“, sagt Öman. „Beide Marken mussten zunächst Kompetenzen aufbauen, so war die Bereitschaft für Veränderungen größer, als es möglicherweise bei einem Verbrennungsmotor der Fall gewesen wäre.“

In Teamwork haben die Ingenieure ihr Wissen über Zellen, Module und Batteriesysteme erweitert und neue Erkenntnisse über Lebensdauer, Kosten sowie Reichweite und Sicherheit gewonnen. „Bei MAN sind wir sehr auf die Dokumentation von Prozessen bedacht, da mussten wir uns auch erst einmal annähern“, sagt Döbler. „Anfangs fiel es uns generell schwer, etwas aus der Hand zu geben“, erinnert sich Öman. „Denn Scania ist es gewohnt, alles in Eigenregie zu machen.“ Doch jede Arbeitsweise hat ihre Vorteile, betonen die Ingenieure, man müsse den perfekten Mittelweg finden. „In diesem Projekt kamen wir für beide Seiten sehr nahe an das Optimum heran“, sagt Öman. Döbler nickt zustimmend.

Die Spielregeln für die Zusammenarbeit sind definiert

Mit dem Projekt haben die Marken wichtige Erfahrungen gesammelt, die den Weg für das sogenannte Lead Engineering ebnen. Dabei erhält jeweils eine Marke die Verantwortung für ein gemeinsames Entwicklungsprojekt. „Das Joint-Battery-Projekt hat die Leitplanken für die gesamte Gruppe aufgestellt. Nun wissen wir, wie wir Kompetenzen aufbauen und uns gegenseitig bei der Entwicklung unterstützen“, sagt Döbler. Denn das Potenzial der Zusammenarbeit ist groß: Durch die Wiederverwendung von Technologien über die Marken werden Doppelarbeiten vermieden und Synergien genutzt. Öman ergänzt: „Wir haben gelernt uns zu vertrauen. Jetzt kann eine Marke den Lead für einzelne Technologien übernehmen und die jeweils andere Marke kann sich sicher sein, dass ihre Anforderungen berücksichtig werden.“